01
Jun 2023

Die rote Linie und die Würde des Menschen

Thema: Gesundheit & Politik

Die schockierenden Ereignisse in unserer Gesellschaft seit Beginn der Krise, die mit dem Corona-Virus ursächlich verbunden scheint, rufen ein Bedürfnis nach Reflexion und Erkenntnis in vielen Menschen hervor. Zu deutlich wurde bereits wenige Tage nach der Ausrufung des Notstands die Parole “Nur eine Impfung” propagiert. Zu widersprüchlich ist das Verhalten verantwortlicher Politiker und Wissenschaftler in ihrem unverhohlenen Anspruch nach “Allzuständigkeit” und “Expertise”, die sie zur Abgrenzung von Kritikern ins Feld führen. “Die Abschaffung der Seele” im Totalitarismus des “Great Reset” ist ein Weg zu besserem Verständnis. Doch auch die Idee des Transhumanismus verdient Beachtung.

Im Jahr 2004 bereits hat der Politikwissenschaftler und Stanford-Professor Francis Fukuyama in einem Aufsatz für die Fachzeitschrift Foreign Policy vor der Idee des Transhumanismus gewarnt. Wir dokumentieren den Beitrag in deutscher Wortlautübersetzung.

Transhumanismus – die gefährlichste Idee der Welt

Von Francis Fukuyama

In den letzten Jahrzehnten ist in der entwickelten Welt eine seltsame Befreiungsbewegung entstanden. Ihre Vorkämpfer haben viel anspruchsvollere Ziele als Bürgerrechtler, Feministinnen oder Verfechter der Rechte von Homosexuellen. Sie wollen nichts Geringeres als die Befreiung der menschlichen Rasse von ihren biologischen Zwängen. Nach Ansicht der “Transhumanisten” muss der Mensch sein biologisches Schicksal dem blinden Evolutionsprozess der zufälligen Variation und Anpassung entreißen und als Spezies auf die nächste Stufe gelangen.

Es ist verlockend, die Transhumanisten als eine Art seltsame Sekte abzutun, die nichts anderes ist als übertriebene Science-Fiction: Man denke nur an ihre übertriebenen Websites und ihre jüngsten Pressemitteilungen („Cyborg Vordenker befassen sich mit der Zukunft der Menschheit“, heißt es in einer Mitteilung). Die Pläne einiger Transhumanisten, sich selbst kryogenisch einzufrieren, in der Hoffnung, in einem zukünftigen Zeitalter wiederbelebt zu werden, scheinen nur zu bestätigen, dass die Bewegung zu den intellektuellen Randerscheinungen gehört.

Aber ist der Grundgedanke des Transhumanismus – dass wir eines Tages die Biotechnologie nutzen werden, um uns stärker, intelligenter, weniger gewaltbereit und langlebiger zu machen – wirklich so abwegig? Eine Art Transhumanismus ist in einem Großteil der Forschungsagenda der modernen Biomedizin implizit enthalten. Die neuen Verfahren und Technologien, die in Forschungslabors und Kliniken entwickelt werden – ob stimmungsverändernde Medikamente, Substanzen zur Steigerung der Muskelmasse oder zur selektiven Löschung des Gedächtnisses, pränatale Erbgutuntersuchungen oder Gentherapien – können ebenso leicht zur “Verbesserung” der Spezies wie zur Linderung oder Verbesserung von Krankheiten eingesetzt werden.

Obwohl uns die rasanten Fortschritte in der Biotechnologie oft ein diffuses Unbehagen bescheren, ist die intellektuelle oder moralische Bedrohung, die sie darstellen, nicht immer leicht zu erkennen. Schließlich ist die menschliche Rasse mit ihren hartnäckigen Krankheiten, körperlichen Einschränkungen und ihrem kurzen Leben ein ziemliches Häufchen Elend. Nimmt man noch die Eifersucht, die Gewalt und die ständigen Ängste der Menschheit hinzu, erscheint das transhumanistische Projekt geradezu vernünftig. Wenn es technologisch möglich wäre, warum sollten wir dann nicht über unsere derzeitige Spezies hinauswachsen wollen? Die scheinbare Vernünftigkeit des Projekts, insbesondere wenn man es in kleinen Teilschritten betrachtet, ist Teil seiner Gefahr. Es ist unwahrscheinlich, dass die Gesellschaft plötzlich in den Bann der transhumanistischen Weltanschauung gezogen wird. Aber es ist sehr gut möglich, dass wir an den verlockenden Früchten der Biotechnologie naschen, ohne uns bewusst zu machen, dass sie mit einem schrecklichen moralischen Preis verbunden sind.

Das erste Opfer des Transhumanismus könnte die Gleichheit sein. In der Unabhängigkeitserklärung der USA heißt es, dass „alle Menschen gleich geschaffen sind“, und die schwersten politischen Auseinandersetzungen in der Geschichte der Vereinigten Staaten drehten sich darum, wer als vollwertiger Mensch gilt. Frauen und Schwarze gehörten 1776, als Thomas Jefferson die Erklärung verfasste, noch nicht dazu. Langsam und schmerzhaft haben die fortgeschrittenen Gesellschaften erkannt, dass das bloße Menschsein zu politischer und rechtlicher Gleichstellung berechtigt. Im Grunde haben wir eine rote Linie um das menschliche Wesen gezogen und seine Würde für unantastbar erklärt.

Hinter dieser Vorstellung von der Gleichheit der Rechte steht die Überzeugung, dass wir alle ein menschliches Wesen besitzen, welches die offensichtlichen Unterschiede in Hautfarbe, Schönheit und sogar Intelligenz bei weitem überragt. Dieses Wesen und die Ansicht, dass jeder Mensch daher von Natur aus wertvoll ist, bilden den Kern des politischen Liberalismus. Aber die Veränderung dieses Wesens ist der Kern des transhumanistischen Projekts. Wenn wir beginnen, uns in etwas Überlegenes zu verwandeln, welche Rechte werden diese verbesserten Wesen dann beanspruchen, und welche Rechte werden sie im Vergleich zu jenen haben, die zurückbleiben? Wenn einige vorpreschen, kann es sich dann jemand leisten, nicht zu folgen? Diese Fragen sind bereits in reichen, entwickelten Gesellschaften beunruhigend genug. Nimmt man die Auswirkungen auf die Bürger der ärmsten Länder der Welt hinzu (für die die Wunder der Biotechnologie wahrscheinlich unerreichbar sein werden), wird die Gefährdung der Idee der Gleichheit noch alarmierender.

Die Befürworter des Transhumanismus glauben zu wissen, was einen guten Menschen ausmacht, und sie sind gerne bereit, die begrenzten, sterblichen, natürlichen Wesen, die sie um sich herum sehen, zugunsten von etwas Besserem hinter sich zu lassen. Aber wissen sie wirklich, was das höchste Gut des Menschen ist? Trotz all unserer offensichtlichen Fehler sind wir Menschen auf wundersame Weise komplexe Produkte eines langen evolutionären Prozesses – Produkte, deren Ganzes viel mehr ist als die Summe unserer Teile. Unsere guten Eigenschaften stehen in engem Zusammenhang mit unseren schlechten: Wären wir nicht gewalttätig und aggressiv, wären wir nicht in der Lage, uns zu verteidigen; hätten wir kein Gefühl der Einzigartigkeit, wären wir nicht loyal gegenüber den Menschen, die uns nahe stehen; verspürten wir keine Eifersucht, würden wir auch keine Liebe empfinden. Sogar unsere Sterblichkeit spielt eine entscheidende Rolle, damit unsere Spezies als Ganzes überleben und sich anpassen kann (und Transhumanisten sind so ziemlich die letzte Gruppe, von der ich mir wünsche, dass sie ewig lebt). Die Veränderung auch nur eines unserer Hauptmerkmale führt unweigerlich zur Veränderung eines komplexen, miteinander verknüpften Bündels von Merkmalen, und wir werden nie in der Lage sein, das Endergebnis vorherzusehen.

Niemand weiß, welche technologischen Möglichkeiten sich für die Selbstmodifizierung des Menschen ergeben werden. Aber wir können schon jetzt die Anfänge der prometheischen Sehnsucht darin erkennen, wie wir Medikamente verschreiben, um das Verhalten und die Persönlichkeit unserer Kinder zu verändern. Die Umweltbewegung hat uns Demut und Respekt vor der Integrität der nichtmenschlichen Natur gelehrt. Wir brauchen eine ähnliche Demut gegenüber unserer menschlichen Natur. Wenn wir sie nicht bald entwickeln, könnten wir die Transhumanisten unwissentlich dazu einladen, die Menschheit mit ihren genetischen Bulldozern und psychotropen Einkaufszentren zu verunstalten.

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Uwe Alschner

Fotohinweis: Gobierno de Chile CC-BY-2.0


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2 Kommentare
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Reinhold Alefelder
Reinhold Alefelder
8 Monate zuvor

Nun denn Herr Soros, Schorsch, wie auch immer,
nichts hilft dir länger zu leben; Entsetzen
wird dich empfangen in der Kälte zwischen den Welten;
wohlan, der du bist wird niemals vermißt.
Oh jeh, welch eine Öde; hast nichts zu trinken?
Es gibt kein Versinken: du bist draußen,
oh jeh, oh jeh, ist das kalt, niemand wird Alt.
Doch der zwischen den Welten hängt wird niemals
wieder bedrängt; also ruhe im Eis der Unendlichkeit!
Na, Schorse, haße noch ne Meinung? Nee, ne!

Reinhold Alefelder
Reinhold Alefelder
8 Monate zuvor

Von Francis Fukuyama hochachtungsvoll,

dem Harari – Selbsthaß in Person des nie geliebten Säuglings,
sage ich, der vier Kinder zu dieser Welt brachte: Verschwinde
im unermeßlichen Haß deiner Selbst in die Kälte zwischen den
Welten, die du so sehr ersehnst; jedoch die Liebenden lieben.